Ein Artikel aus der Roots & Shoots Redaktion
Albert Schweitzer engagierte sich zeitlebens auf vielfältige Weise und ist bis heute besonders für seine Theorie zur Ehrfurcht vor dem Leben bekannt. Diese legt zugrunde, dass alle Lebewesen, egal ob Mensch, Tier und Pflanze mit der gleichen Würde und dem gleichen Respekt behandelt werden sollten. Damit kann er gewissermaßen als Vordenker des Ansatzes Jane Goodalls gesehen werden.
Dieses Jahr wäre Albert Schweitzer 150 Jahre alt geworden und dieses Jubiläum wollen wir zum Anlass nehmen, uns in diesem Artikel mit dem ereignisreichen Leben von Albert Schweitzer zu beschäftigen.
Biographie
Geboren wurde Albert Schweitzer am 14. Januar 1875 in der Nähe von Colmar im Elsass im heutigen Frankreich, das damals noch zu Deutschland gehörte. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers schlug er zunächst die gleiche Laufbahn ein, studierte Theologie und Philosophie und promovierte später in beiden Fächern. Neben der Arbeit als Pfarrer und Hochschullehrer war er ein begabter Organist, gab europaweit Orgelkonzerte und war zeitweise sogar im Orgelbau tätig.
Mit dem Ziel Missionsarzt zu werden, beschloss Albert Schweitzer 1905, mit 30 Jahren, Medizin zu studieren.1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, brach er schließlich mit drei erfolgreichen Studienabschlüssen in Theologie, Philosophie und Medizin und einer Professur in Theologie nach Gabun in Westafrika auf. In der Stadt Lambarene gründete er ein Urwaldhospital, das bis heute in Betrieb ist. Für den Aufbau des Krankenhauses zahlte es sich aus, dass Albert Schweitzer so vielseitig interessiert und begabt war, denn das nötige Geld konnte er mit Orgelkonzerten und Vorträgen in Europa und den USA sammeln. Während des ersten Weltkrieges mussten Albert Schweitzer und seine Frau Helene Bresslau Gabun verlassen und wurden bis zum Ende des Krieges unter Hausarrest in einem Internierungslager in Frankreich gesetzt. In dieser Zeit entwickelte Albert Schweitzer seine Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben.
Gelebte Ehrfurcht vor dem Leben
Die Ereignisse und das Morden des Ersten Weltkrieges beschäftigten Albert Schweitzer während seines Arrests in Frankreich zutiefst. In seinen Überlegungen erkannte er für sich, dass jedes Lebewesen eine Daseinsberechtigung hat, leben möchte und mit Ehrfurcht betrachtet werden sollte. So entwickelte er seine Theorie zur „Ehrfurcht vor dem Leben“. Durch seine Erfahrungen in Lambarene, wo er eng umgeben von Natur und Tierwelt dem Ausbau der Klinik nachging, war es für ihn bedeutend, eine ganzheitliche Ethik zu formulieren, die alle Lebewesen miteinschloss: Menschen, Tiere und Pflanzen, deren Existenz und Überlebenswille geachtet werden sollen. Albert Schweitzer versuchte dieses Prinzip in all seinen Lebensbereichen zu verwirklichen und so behandelte er in seiner Urwaldklinik neben menschlichen Patient:innen bald auch Tiere. Laut eines ehemaligen Nachwächters aus der Urwaldklinik beschrieb Albert Schweitzer die Tierwelt als Geschwister der Menschen und, so soll er gesagt haben, so sei auch eine Mücke unsere Schwester, die eben stechen muss, um zu überleben und nicht anders kann. Auch um Pflanzen kümmerte er sich. So soll er darauf bestanden haben, einen Mangobaum aufzupäppeln, der durch einen Blitzschlag gespalten war.
Dass Albert Schweitzer vegetarisch lebte, versteht sich als logische Konsequenz seiner Lehre. Mit dem Ansatz des uneingeschränkten Respekts vor allen Lebewesen und der Idee diese allgemein im Alltag zu leben, ist er sehr nah an der Philosophie von Jane Goodall, die ihn zu ihren Vorbildern zählt.
Wirkung in der Welt
Albert Schweitzer wurde zu einer moralischen Instanz. Bereits 1932 warnte er vor dem aufkommenden Nationalsozialismus, nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich für atomare Abrüstung und gegen Krieg. Für dieses Engagement erhielt er 1952 den Friedensnobelpreis. Damit galt er vielen als moralische Autorität und verkörperte nach den Schrecken von Nationalsozialismus und Weltkrieg den „guten Deutschen“. So berief man sich gerne auf ihn, und manche Mächtige suchten seine Nähe, um von der Ausstrahlung des Menschen- und Tierfreundes zu profitieren. Schweitzer war sich dessen bewusst, doch er blieb dem Gedanken des friedlichen Austauschs verpflichtet. Gelegenheiten zum Dialog nahm er an – überzeugt, dass Verständigung und die Vermittlung seiner Lebensphilosophie nur im Gespräch möglich waren.
Trotz des beachtlichen Lebenswerkes mischt sich auch berechtigte Kritik in das Lob. Als Albert Schweitzer in Lambaréné sein Krankenhaus aufbaute, war das Gebiet in Gabun noch Teil der französischen Kolonien. Albert Schweitzer verstand seinen Dienst zwar auch als Wiedergutmachung vor dem Hintergrund kolonialer Gräueltaten, einer Selbstbestimmung der Kolonien stand er jedoch ablehnend gegenüber. Er sah sich zwar als „Bruder“ der Bevölkerung in Gabun, aber eben stets als „Großer Bruder.“
Dennoch, Albert Schweitzers Leitgedanke der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist bis heute aktuell. Sie fordert uns nach wie vor auf, jedem Lebewesen mit Respekt und Mitgefühl zu begegnen. In dieser Haltung begegnet er der Ethik von Dr. Jane Goodall, die ebenfalls für einen respektvollen Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt eintritt. Ihr gemeinsames Vermächtnis erinnert uns daran, dass jede:r von uns Verantwortung trägt, diese Werte im eigenen Alltag lebendig werden zu lassen.
Literatur



