Wildtiermärkte und Bärengalle-Farmen.

Dr. med. vet. Ulrike Beckmann

Bär in Käfig auf einer illegalen Bärenfarm

©FOUR PAWS | Bogdan Baraghin

Share on facebook
Share on twitter
Share on email

Ein Statement von Dr. Jane Goodall zu COVID-19.

Beim folgenden Text handelt es sich um eine gekürzte Version. Das englischsprachige Original, sowie die Deutsche Übersetzung stehen unter den folgenden Links zum Download bereit:

Die Welt steht vor unvorhersehbaren Veränderungen. Schon jetzt sind die gesamtwirtschaftlichen Verluste katastrophal. Wir alle verfolgen die Nachrichten. Wir hoffen, dass ein Impfstoff bald entwickelt ist und dass wir Schritt für Schritt zu einem normalen Leben zurückkehren können. Aber wir dürfen niemals vergessen, was wir durchgemacht haben und wir müssen alle notwendigen Schritte zur Vermeidung einer weiteren zukünftigen Pandemie unternehmen.

Es ist eine Tragödie, dass  eine Pandemie dieser Art schon lang von Forschern vorausgesagt wurde, die sich mit Zoonosen (Krankheiten, die wie COVID-19 von Tieren auf den Menschen übergehen), befassen. Es ist so gut wie sicher, dass diese Pandemie mit einem solchen Übertritt auf dem chinesischen Wuhan-Seafood-Markt begann, auf dem auch mit anderen Wild- und Haustieren gehandelt wurde.

Auf solchen Märkten werden die Tiere  in der Regel in kleine Käfige zusammengepfercht und oft vor Ort geschlachtet. So kommen Menschen in Kontakt mit Kot, Urin, Blut und anderen Körperflüssigkeiten verschiedenster Tierarten. Hier bieten sich ideale Voraussetzungen für Viren, um von ihrem tierischen Wirt auf den Menschen zu wechseln. Eine andere Zoonose, SARS, ging z.B. von einem Wildtiermarkt in Guangdong aus.

Nicht nur in China haben Wildtiermärkte für Viren und andere Krankheitserreger ideale Bedingungen geboten, um die Arten-Barriere zwischen ihren tierischen Wirten und uns Menschen zu überwinden. Ausgehend von afrikanischen Bushmeat-Märkten führte z.B. die Jagd, der Verkauf und das Schlachten von Schimpansen zu zwei Erreger-Sprüngen von Menschenaffen auf Menschen, aus denen die HIV-AIDS-Pandemie entstand. Ebola ist eine weitere Zoonose, die in Afrika aus Wildtier-Reservoirs auf Menschenaffen und Menschen überging.

Ein weiteres ernstes Problem und ein Milliarden-Dollar-Geschäft ist der schockierende weltweite Handel mit Wildtieren und ihren Körperteilen. Werden Wildtiere oder ihre Körperteile von einem Land in ein anderes exportiert, bringen sie auch ihre Viren mit sich. Es ist von größter Bedeutung, dass ein Verbot des Handels, des Verzehrs und der Zucht von Wildtieren zu Nahrungszwecken permanent durchgesetzt wird – zum Wohle der menschlichen Gesundheit und zur Vermeidung anderer Pandemien in der Zukunft.

Als COVID-19 als eine neue Zoonose erkannt wurde, untersagten die chinesischen Behörden den Verkauf und Verzehr von Wildtieren, schlossen den Wuhan-Wildtiermarkt und verboten das Züchten von Wildtieren für Ernährungszwecke. Die Nutzung bestimmter Wildtierprodukte für die traditionelle chinesische Medizin ist jedoch noch immer legal in China. Hier bieten sich willkommene Schlupflöcher für weiteren lukrativen Wildtierhandel.

Es gilt auch, das Wohlergehen der Tiere zu berücksichtigen, die unfreiwillig für Zoonosen verantwortlich sind. Heute wissen wir alle, dass die erwähnten Tiere sensible Wesen sind, die Angst, Verzweiflung und Schmerz verspüren und sehr intelligent sein können. Erlauben wir weiter den Wildtierhandel für medizinische Produkte, so ermöglichen wir auch weiter die unglaublich unmenschliche Behandlung dieser fühlenden Geschöpfe.

Bärengalle-Farmen in Asien.

Ein Beispiel sind die Bären (Mond-, Braun- und Malaienbären), die in Asien zur Galleproduktion gehalten werden. Sie sind teilweise bis zu dreißig Jahre lang in extrem engen Käfigen gefangen – manchmal können sie darin nicht einmal stehen oder sich drehen. Die winzigen Zwinger verhindern jegliches natürliche Verhalten dieser intelligenten und sensiblen Tiere. Die Gallenflüssigkeit wird ein- oder sogar zweimal täglich aus der Gallenblase entnommen – eine höchst schmerzhafte invasive Prozedur. Die Bären leiden deshalb an Schmerzen, Hunger und Austrocknung  und entwickeln u.a. Leberkrebs, andere Tumoren, Geschwüre, Blindheit, Bauchfellentzündungen, Arthritis und andere Leiden und Infektionen.

Die Haltung der Bären in solchen Farmen ist nicht nur extrem grausam, sondern auch ein Risiko für die öffentliche Gesundheit. Schlechte hygienische Bedingungen, die permanent offenen Bauchwunden der Bären, die Verunreinigung der Galle mit Kot, Bakterien und Blut, sind ein sehr ernstzunehmendes Problem. Viele dieser Bären erhalten kontinuierlich Antibiotika, um sie überhaupt am Leben zu erhalten. Dies führt wiederum unweigerlich zu Antibiotikaresistenzen und dem Entstehen von multiresistenen Superkeimen. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Haltung von Tieren in Massentierhaltung. Diese multiresistenten Super-Keime sind bereits verantwortlich für den Tod vieler Menschen auf der ganzen Welt.

Tragischerweise wird das Produkt “Tan Re Qing”, das Galle asiatischer Bären enthält, zur Behandlung von COVID-19-infizierten Patientenempfohlen. Genau das wird die Bärengalle-Gewinnung nur noch mehr ankurbeln. Solange Bärengalle-Farmen legal bleiben, steigt die Nachfrage weiter. Die aktive Komponente der Bärengalle, Ursodeoxycholsäure (UDCA), ist sei langem synthetisch erhältlich, zu einem Bruchteil der Produktkosten aus lebenden Bären. Viele Menschen halten nur leider die Galle von wilden Bären noch immer für wertvoller.

Es wäre wundervoll, wenn alle Bärenfarmen in ganz Asien geschlossen und die Bären in Auffangstationen in Asien gebracht werden könnten, wo sie in Gesellschaft anderer Bären auf Gras laufen, klettern, baden und die Sonne genießen könnten.

Krankheiten und ihr Ursprung in der Massentierhaltung.

Zoonosen entstehen nicht nur aus dem Umgang mit Wildtieren. Die unmenschlichen Bedingungen in “Fabrikställen”, in denen große Mengen von Haustieren zusammengepfercht werden, bieten sei langem Bedingungen, die ein Übergreifen von Erregern auf den Menschen fördern. Beispielsweise “Vogelgrippe” und Pandemie H1N1 (“Schweinegrippe”) hatten ihren Ursprung  im Umgang mit Geflügel und Schweinen, MERS mit Hauskamelen. Und auch Haustiere sind fühlende Geschöpfe, die Angst und Schmerz erleiden.

Schlussfolgerung.

Viele Menschen glauben, dass wir an einem Wendepunkt unserer Beziehung zur natürlichen Welt angekommen sind. Wissenschaftler warnen davor, dass wir in Kontakt mit Viren kommen können, die Pandemien noch weit erschütternder als COVID-19 auslösen, wenn wir weiterhin die Gründe für die Verbreitung solcher Zoonosen ignorieren.

  • Wir müssen der Abholzung und Zerstörung der natürlichen Lebensräume weltweit Einhalt gebieten.
  • Wir müssen von existierenden naturfreundlichen, organischen Alternativen Gebrauch machen und Neue entwickeln, um uns zu ernähren und uns gesund zu erhalten.
  • Wir müssen Armut eliminieren, damit die betroffenen Menschen andere Einkommensmöglichkeiten finden können, als auf Kosten von Wildtieren und ihrer Umwelt zu existieren.
  • Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen vor Ort, deren Leben direkt von einer gesunden Umwelt abhängt, gute Entscheidungen zu ihrer Erhaltung treffen können, während sie in ihren Gemeinschaften an der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen arbeiten.
  • Und schließlich müssen wir unser Gehirn mit unserem Herzen verbinden und endlich unsere eingeborene Weisheit, unsere Wissenschaft und unsere innovativen Technologien zusammen nutzen, um weisere Entscheidungen für Menschen, Tiere und unsere gemeinsame Umwelt zu treffen.

Während natürlich unser akuter Fokus gerade auf der Kontrolle des COVID-19 Virus liegt, dürfen wir jedoch auch die Krise nicht vergessen, die mit potentiell langfristig katastrophalen Effekten auf den Planeten und für unsere zukünftigen Generationen droht: die Klimakrise.

Die Pandemie hat die Industrie zu einem temporären Shutdown in vielen Teilen der Welt gezwungen. Ein Ergebnis davon ist, dass viele Menschen zum ersten Male die Freude erleben dürfen, frischen Luft zu atmen und die Sterne am Nachthimmel zu sehen.

Meine Hoffnung ist, dass die Erfahrung, wie die Welt sein sollte, gemeinsam mit der Erkenntnis, dass es unsere Missachtung der natürlichen Welt war, die zu dieser Pandemie geführt hat, Unternehmen und Regierungen dazu bringt, mehr Ressourcen in die Entwicklung sauberer und erneuerbarer Energien, Bekämpfung der Armut und Schaffung von Alternativen für die weitere Ausbeutung der Natur zu investieren.

Lasst uns erkennen, dass wir ein Teil  der natürlichen Welt sind und von ihr mit Nahrung, Wasser und saubere Luft abhängen.

Lasst uns daran erinnern, dass die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt  zusammenhängen.

Lasst uns Respekt zeigen füreinander, für alle anderen fühlenden Wesen und für Mutter Natur. Für das Wohlergehen unserer Kinder und der ihren, für die Gesundheit dieses wunderschönen Planeten Erde, unserer einzigen Heimat.

Dr. Jane Goodall, DBE
Founder The Jane Goodall Institute
& UN Messenger of Peace

Neueste Beiträge

No Waste November 2020

No Waste November 2020.

Es ist wieder soweit: Die globale Roots & Shoots Kampagne #NoWasteNovember findet bereits zum vierten Mal statt. Die einmonatige Kampagne soll Menschen dabei unterstützen, individuell
Weiterlesen »

    Vielen Dank. Ihre E-Mail Adresse ist nun in unserem Verteiler und wir halten Sie von nun an auf dem Laufenden!
    Immer auf dem laufenden bleiben! Newsletter abonnieren.